Thema:
Re:Bin auch als Nichtkenner irritiert. [Spoiler] flat
Autor: Karotte
Datum:16.10.22 12:18
Antwort auf:Re:Bin auch als Nichtkenner irritiert. [Spoiler] von suicuique

>>Nee, hat sich für mich einfach falsch und nach billigem Twist angefühlt. Schade, weil imho zumindest in die Ausstattung echt viel Herzblut geflossen ist. In dem Stil die Story zu sehen, die du in deinem Text anteaserst… oh Mamma! <3
>
>Naja, man darf aber nicht vergessen dass die "Story" von Tolkien zu diesen Ereignissen IMO nicht wirklich als Story begriffen werden sollte. Das ganze Silmarillion ist quasi als Chronik verfasst. Es wird viel umrissen, viel angedeutet aber sehr oft nicht im Detail ausgearbeitet. Ich bin durchaus der Ansicht dass da in diesem Framework arg viel Cringe drin steckt. Ich meine, wie oft wurden die Querschläge Melkor von den Valar wieder verziehen und ihm eine "zweite Chance" eingeräumt? Man könnte denken die Valar (und später Eldar) wären lernfähig gewesen. Von daher hat Tolkien das Motiv des "von Innen vom Abgrundtief Bösen korrumpiert werden" schon aaaarg strapaziert. In diesem Kontext ist der von dir kritisierte "Twist" jetzt nichts ungewöhnliches für die Vorlage. Geradezu par for the course, weswegen ich es auch seit Folge 2 erwartet hatte.


Ok, die grundsätzliche Diskussion darüber, wie gut oder nicht gut der Sauron-Twist in die Lore passt, überlasse ich den Gelehrten. Da kann ich nicht mitreden. ;o)

Nur hätte man die Geschichte mit dem korrumpierenden Bösen imho erzählerisch anders aufziehen müssen. Ja, es gibt so vage Andeutungen, „Habe ich dich benutzt oder hast du mich benutzt?“, „Du weiß nicht, was ich im letzten Sommer getan habe!“ und die Szene, in der Sauron-in-Spe in der Gasse über die Goons herfällt und fast sowas wie einen „inneren Konflikt“ andeutet, weil er seine Angreifer geradezu um ihretwillen zu bitten scheint, ihn in Ruhe zu lassen. Dass irgendwas schepps mit dem Knaben ist, kommt schon durch, aber der Obermotz? Dafür wurde mir das Ganze zu sehr in Nebensätzen abgefrühstückt.

Natürlich ist es rein erzählerisch Next Level Shit, wenn du einen Charakter bauen willst, bei dem _alle_ Zeichen im Prinzip klar erkennbar sind, aber das Publikum das trotzdem erst hinterher rafft, wenn es zu spät ist. Aber wenn einem so ein „guter“ Twist wichtig ist, muss man halt beim Drehbuchschreiben die notwendigen Überstunden schieben. ;o)

>Das Medium Film arbeitet nach anderen Maßstäben ... es erscheint mir nicht unschlüssig oder gar verdammenswert dass die Timeline gestrafft werden musste. Klar die Elben hätts nicht gestört wenn das Ringeschmieden 100 Jahre gedauert hätte ... all die nicht elbischen Protagonisten hätte man dann nur durch neue ersetzen müssen. Wäre für den Zuschauer damit so viel gewonnen gewesen dass es diese Form der "Epik" wirklich wert gemacht hätte?
>Ich habe meine Zweifel.


Grundsätzlich agree mit den medialen Unterschieden, aber man kann sich schon fragen, warum man eine epische Zeitspanne ausgerechnet auf pimpfige _drei_Monate_ reduzieren muss, die dann auch noch so inszeniert sind, als würden sie im Flug vergehen. Hier hat man imho einfach die Story ungünstig angelegt.

Wobei ich jetzt auch nicht grundsätzlich sagen würde, dass es unmöglich oder nicht mitreißend wäre, eine Geschichte über einen titanischen Zeitraum zu erzählen. Du brauchst halt Protagonisten, die das alles miterleben und quasi die emotionalen „Fixpunkte“ sind. Elrond und Galadriel in ihrem Jahrtausende währenden Krieg gegen das Böse und als Kontrast dazu Radagandalf, der auf seinem Selbstfindungstrip durch Mittelerde immer wieder neue Gefährten trifft und verlieren muss… hätte seine ganz eigene, tragische Dimension.

Denkbar wären auch diverse Handlungsstränge in unterschiedlichen Epochen, die am Ende alle zu einem kolossalen Abschluss zusammenführen. D.h. kurzlebige Rassen wäre evtl. schon in einer „Nachher“-Welt, während die Elben noch am Ringeschmieden sind und gar nicht wissen, dass sie auf das Unheil zusteuern.

Geht imho schon, man muss es nur bereits bei der gesamten Konzeption der Serie (und dem Marketing) darauf anlegen.


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