Thema:
Interview zum Thema mit Rainer Forst flat
Autor: peppi
Datum:14.04.20 14:02
Antwort auf:Gut gegen Böse von rash65

Ich musste an den Thread denken:

Braucht gelingende Kommunikation gegenseitige Toleranz?

In vielen Fällen ja. Aber wir müssen mit dem Begriff vorsichtig umgehen. Toleranz ist etwas anderes als Indifferenz. Das ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Wem alles egal ist, der ist nicht tolerant, sondern gleichgültig. Toleranz bringt man gegenüber Überzeugungen und Handlungen auf, die man eigentlich ablehnt.

Die erste Frage der Toleranz ist: Was stört mich an bestimmten Überzeugungen oder Handlungen? Diese Frage weist immer auch auf mich selbst zurück. Wenn mich religiöse oder sexuelle Orientierungen, fremde Lebensstile, politische Überzeugungen stören, kann das auch an meiner Engstirnigkeit liegen. Jemand, der Vorurteile gegenüber Homosexuellen oder Menschen mit anderer Hautfarbe hat, fühlt sich tolerant, wenn er sein Handeln nicht von diesen Vorurteilen bestimmen lässt. Das ist sicher besser als offene Aggression, aber es ist auch weit entfernt von demokratischer Toleranz.

Goethe bringt das auf die Formel: „Dulden heißt beleidigen.“ Die Geste der Toleranz funktioniert dabei als subtile Abwertung und Bestätigung des Ressentiments, bei der man auch noch auf die eigene Großzügigkeit stolz ist. In der Geschichte der Toleranz ist sie oft hierarchisch: Die Mehrheit duldet die Minderheit, der Monarch gewährt Religionsfreiheit. Das sind keine einklagbaren Rechte, sondern Gnadenakte, die jederzeit widerrufen werden können.

Ist Toleranz in Ihren Augen vor allem eine perfide Machtstrategie?

Es gibt auch eine demokratische, gegenseitige Toleranz. Sie geht davon aus, dass wir in pluralistischen Gesellschaften mit Unterschieden in Lebensstilen und Wertvorstellungen zurechtkommen müssen – auf der Basis von Prinzipien wie Menschenrechten, die für alle gelten. Dann kann mich eine religiöse Kopfbedeckung immer noch stören, da ich sie als frauenfeindlich ansehe, aber ich habe nicht das Recht, sie zu verbieten, weil dies ein zu großer Eingriff in die Lebensentscheidungen von Personen wäre – auch wenn ich diese Entscheidungen für falsch halte. Toleranz ist eine Voraussetzung dafür, dass Kommunikation und Zusammenleben in Konflikten gelingt, also gerade da, wo kommunikative Verständigung besonders notwendig ist.


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