Thema:
In The Heights [Film; Musical] flat
Autor: Matze
Datum:26.07.21 08:13

Ich wollte ja erst nichts schreiben, da die überwiegende Mehrheit hier sowieso Musicals hasst. Andererseits wäre es aber den wenigen gegenüber unfair, die es vielleicht interessiert, wenn sie dieses Kleinod deswegen verpassen würden.

Also: Nach dem grandiosen Broadway-Mitschnitt von "Hamilton" auf Disney Plus hat nun auch Lin-Manuel Mirandas erstes Musical eine richtige Verfilmung bekommen. Gedreht wurde der Film schon 2019, wegen Corona aber ein komplettes Jahr auf Eis gelegt. Halbwegs verständlich, denn im Winter möchte den wirklich niemand sehen.

Vergleichen mit "Hamilton" ist "In The Heights", dessen erste Version schon in LMMs zweitem College-Jahr entstand, der deutlich konventionellere Musicalstoff: Es geht um eine überwiegend lateinamerikanisch geprägte Community im Stadtteil Washington Heights in Ne...äääh, Nueva York, die hart arbeitet und in der jeder einen Traum hat, die aber unter Gentrifizierung und dadurch ständig steigenden Preisen leidet. Die Musik besteht dementsprechend überwiegend aus lateinamerikanischen Rhythmen, es gibt aber auch Ansätze von HipHop und auch "klassische" Musicalnummern.

Gegenüber dem Musical hat man im Film ein paar Nummern weggelassen (aber keine Angst, er läuft immer noch fast 2 1/2 Stunden), von anderen die Reihenfolge geändert, ausserdem der Story einen etwas anderen Schluss verpasst und noch einen kleinen Handlungsstrang über "Dreamer" eingebaut. Das ändert aber eigentlich nicht hat viel an der Essenz der Geschichte.

Zum Film: Am Broadway hatte LMM die Hauptrolle Usnavi noch selbst gespielt, inzwischen fühlt er sich aber zu alt dafür und hat daher richtigerweise an Anthony Ramos (John Laurens und alten Hamilton sein Sohn in Hamilton, mancher kennt ihn vielleicht auch aus der Spike Lee-Serie "Nola Darling" auf Netflix) übergeben. Ausser Jimmy Smits hat man auf größere Stars verzichtet und jungen aber überaus talentierten Darstellern eine Chance gegeben. Das kann man nur als gelungen bezeichnen, die liefern allesamt richtig geil ab.

Regisseur Jon M. Chu hat es ebenfalls drauf, der Film überzeugt sowohl in den Massenszenen (es gibt z.B. eine Nummer mit hunderten von Tänzern in einem Schwimmbad) als auch in den intimeren Momenten, z.B. wenn die Matriarchin des Viertels allein über ihre Kindheit in Kuba singt. Mit Effekte wird dabei nicht gegeizt, so wird in einer Nummer z.B. die Schwerkraft aufgehoben und ein Paar tanzt eine Hausfassade hinauf aber das wirkt alles ganz natürlich und nicht wie Gewichse.

Für mich hatte der Film einfach alles, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, bei der ich gelacht und geweint habe. So muss gutes Musical sein. Wenn man aus dem Kino kommt, ist die Welt definitiv ein wenig sonniger, selbst in der Nacht ;).

9/10 Piragua und auf keinen Fall die After-Credits-Szene verpassen.

Edit: Die ersten acht Minuten des Films (= der erste Song, in dem schon diverse Hauptfiguren vorgestellt werden) gibt es auf YouTube: [https://www.youtube.com/watch?v=8HAR3QBuiiU]

Bei der Synchro hat man den üblichen Weg gewählt, die Songs im Original belassen und untertitelt und die Sprechszenen synchronisiert.


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