Thema:
Systemsprenger (Film, 2019) flat
Autor: Tota
Datum:23.09.19 21:40

Im beruflichen Kontext heute den Film gesehen, derzeit als deutscher Beitrag im Oscarrennen und um es Vorweg zunehmen, imo zurecht.

Worum gehts?
Benni ist ein 9jähriges Mädchen und kommt nirgends an. Unkontrollierbare Wutausbrüche, Regelverletzungen, Gewalt, selbstgefährdendes Verhalten, Gefährdung anderer, Schulabsentismus, das volle Programm. Wohngruppen, Heime, Pflegeeltern, Kinder- und Jugendpsychatrie, Schule, niemand ist in der Lage dem Kind das Setting zu bieten das notwendig wäre, was daran liegt dass Kind und System hier nicht zusammenpassen. Den allergrößten Teil der Kinder und Jugendlichen können die vorgenannten und weitere Helfer hierzulande irgendwie erreichen, Benni nicht. Benni ist ein Systemsprenger.
Im Jugendamt häufen sich die Ablehnungen der Einrichtungen und so läuft die zuständige Sozialarbeiterin von einer Wand gegen die nächste,immer auf die Suche nach dem rettenden Strohhalm, wenigstens für eine Weile. Und da ist auch schon eines der ersten Probleme, was dem Kind offensichtlich fehlt ist, neben Liebe, eine Bindung. Jeder einzelne Bindungsabbruch macht es schwerer, suggeriert Benni das sie nicht normal wäre und die Menschen einfach kein Bock, kein Interesse an ihr haben. Sie selbst versucht sich unbewusst abzugrenzen,zb indem sie ihre Betreuer nur mit Erzieher anredet (bzw. brüllt),ist ja eh egal weil sie bald wieder weg ist.

Um nichts vorwegzunehmen schreibe ich nichts weiter zum Inhalt, auch wenn es nicht so einfach ist. Der Film bewegt,berührt, wühlt auf, verlangt nach einer Reflektion.

Wir sehen ein psychisch und physisch überwältigtes Kind, das seine Mutter abgöttisch liebt und vermisst,egal was alles gewesen ist, eine Mutter die ihr Kind durchaus lieb hat, es aber mit ihren eigenen Problemen nicht hinbekommt. Ein Kind für das die Lösung so einfach erscheint und doch so unmöglich ist, Bindung ist keine käufliche Ware, nicht auf Bestellung lieferbar. Und wenn es Angebote gibt zerstört Benni sie mit ihrem Verhalten für das sie eigentlich nicht viel kann weil ihr die Bindung fehlt, ein Teufelskreis. Benni ist weder dumm noch pupertär, weder Großstadtghettokind noch mit Migrationshintergrund, sie ist einin dem Sinne unbelastetes Mädchen. Benni ist Realität.

Auf der anderen Seite steht ein überfordertes, hilfloses Hilfesystem. Jugendamt, Erzieher, Pädagogen, Ärzte, zwischen hochengagiert und selbst unglaublich angepisst von dem Kind. Wir sehen Fachleute die persönliche Grenzen überschreiten (lassen), und daran scheitern, häufig am Rand des eigenen Zerbrechens. Was ist der Ansatz, womit erreicht man Kinder wie Benni noch die niemand haben will und doch so sehr Hilfe brauchen? Auch diese Menschen sind in all ihren Facetten Realität.  

Auch als Film gefällt mir Systemsprenger. Er nimmt sich künstlerische Freiheiten an den notwendigen Stellen, bildet aber immer noch mehr als genug Realität ab, Schläge in die Magengrube for free. Ruhige Szenen mit dem eigentlich sehr sympathischen und fürsorglichen Mädchen wechseln schnell zu Wut, Geschrei, Gewalt. Auch das Realität.
Musik, Bild, Schnitte tragen zur Atmosphäre bei ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Die Hauptdarstellerin spielt Benni unglaublich überzeugend, realistisch, intensiv, allergößten Respekt vor dem Mädchen. Fand wohl nicht nur ich, aktuell dreht sie mit Tom Hanks.
Der Film stellt dar wie es ist, ohne jemanden als Schuldigen oder Helden hinzustellen, es gibt wenig Schwarz-weiß-malerei.

Sollte man mal gesehen haben. Kein Bock drauf? Geht auch ohne.


Persönlicher lustiger Nebeneffekt,in einer Nebenrolle überraschend einen Kindergartenfreund meines großen Sohnes zu entdecken ist mir auch noch nie passiert.


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