Thema:
Arbeit auf dem Amt - Ein kleiner Rückblick flat
Autor: LustigesWiesel
Datum:22.12.22 13:58
Antwort auf:Der Job Thread: Da hinten kommt die Rente von Bandit

Da ich selbst viele Vorurteile hatte, und man es hier immer wieder auch hört, mal ein kleiner Rückblick auf die letzten vier Monate als Angestellter im Rathaus.
Zum Ursprung, ich bin eigentlich Chemikant, hatte als solcher bei BP und hinterher bei einem 700 Mann starken Mittelständer gearbeitet, hatte mich Nebenberuflich weitergebildet, und war Abteilungsleiter.
Wurde dann von einem Freund in seinen 120 Mann starken Fensterbaubetrieb abgeworben, leitete dort zuerst den Kundendienst um hinterher Projektplanung von Ulm bis Frankfurt zu übernehmen.
Hatte plötzlich (Streßbedingt) mit Körperlichen Beschwerden zu kämpfen, was mich dazu bewog der Wirtschaft den Rücken zu kehren, und die Stelle des Hoch- und Tiefbaus für eine 5600 Einwohnergemeinde zu übernehmen.
Bei Gott war nicht jeder der Schritte ein Finanzieller Sprung, wenn dann eher ein kleiner nach unten. Doch mein letzter Job war eigentlich toll, Firmenwagen, Urlaub auf Firmenkosten, schön Essen gehen und Anerkennung ohne Ende.
Als ich meine Kündigung einreichte (es gab vorher schon Gespräche aber kein Anzeichen das ich gehen will), fiel mein Chef aus allen Wolken, es half nicht das wir uns auch persönlich kannten, und er noch ein paar Wochen mich als Pfeiler des Unternehmens bezeichnete.
Doch wie gesagt, mir ging es Körperlich nicht gut, ich habe einen Fleck im Sichtfeld, der Blutdruck ging hoch, und alles nur weil mir der Job eigentlich nicht lag, was niemand verstehen konnte, weil laut Aussage aller anderen dieser prima ausgeführt wurde. Aber ich konnte mich schon immer anpassen, weshalb man es wohl auch nie merkte.
Als es mir wirklich zuviel wurde, ich reduzierte schon meine Arbeitszeit, was nur dazu führte das ich in der restlichen Zeit mehr Arbeiten musste um es wieder reinzuholen, stand für mich fest das ich mit der "normalen" Wirtschaft nichts mehr am Hut haben will.
Was sind also die Alternativen? Für mich stand fest das ich bei der Stadt, Land oder Bund anfangen möchte. Warum? Mir war bekannt das es nicht viel anders ist, aber Zahlen eine ganz andere Bedeutung haben. Aber das will ich nicht verallgemeinern, auch da gibts bestimmt unterschiede.
Also bewarb ich mich nur auf solche Stellen, mit dem Bewusstsein, das ich eigentlich kompletter Quereinsteiger bin, bekam aber die Gelegenheit 25km entfernt, und wurde auch genommen.
Jetzt arbeite im Rathaus einer kleinen Gemeinde und muss sagen das es die beste Entscheidung meines Lebens war. Mit einer Ausnahme das Geld.
Hier hatte ich mich auch vorher mit meiner Frau beraten ob wir das auch überhaupt machen können, ich gebe einen Firmenwagen auf, Gehaltseinbußen und muss nicht nur ein Auto kaufen, sondern auch noch gegenüber vorher 4 Minuten eine halbe Stunde fahren.
Aber ihr war meine Gesundheit wichtiger, und ich merkte das ich einfach so nicht weitermachen möchte.
Und ja, die Verwaltung ist veraltet, Homeoffice? Träume nicht mal davon. Alle paar Stunden eine Besprechung, und das Siezen wird noch ernst genommen. auch habe ich hier, wir sind 16 Mitarbeiter, schon richtige Beamte kennengelernt, die lieber 2 Stunden einen Vortrag halten als helfen zu müssen.
Aber allgemein sehe ich hier viele Menschen die mit Herzblut für einiges weniger als in der Wirtschaft arbeiten um eine Stadt am leben zu erhalten. Man erreicht keinen auf dem Amt? Bei uns gibt es kein Besetztzeichen, und das Telefon klingelt munter von sich hin, wenn ich im Büro ein Gespräch führe, was nicht selten vorkommt. Überhaupt ist die Belastung der einzelnen Ämter riesig. Aber, das muss man sagen steckt für den Mitarbeiter wenig Dringlichkeit dahinter. Und ich finde es entspannend, das da ein riesiger Berg liegt stört mich weniger als von allen Seiten bestürmt zu werden.
Warum Antwortet keiner vom Amt? Weil es oft keinen Ersatz gibt, ist man Krank bleibt es liegen, Fristen werden hier andauernd überschritten, aber nie aus böser Absicht, es ist einfach viel zu viel für Mitarbeiter um da hinterherzukommen. Meine Stelle war einfach mal zwei Jahre nicht besetzt, die Arbeit trotzdem da. Es werden immer noch mindestens vier Mitarbeiter gesucht, und das nicht seit gestern.
Aber jetzt mal zum positiven, ich verbringe viel Zeit in Schulen Kindergärten , treffe mich mit den Landwirten, kenne jetzt schon fast jeden Handwerker in der Gegend.
Ein purer Schreibtischjob war nie was für mich, und hatte ich auch Gott sei dank noch nie, aber hier ist es was besonderes. Es gibt eigentlich keinen der die Arbeit ausführen könnte die man macht, weshalb es auch keinen gibt, der einen beurteilen oaber auch ( was negative Folgen haben kann) verbessern kann.
Noch nie hatte ich es, das die Arbeitszeit so im Flug verging, oft bleibe ich länger, nicht weil mich die Arbeit antreibt, sondern einfach weil die zeit so schnell vergeht. Ich treffe mich mit allen möglichen und unmöglichen Leuten, streite, schlichte und höre einfach nur zu.
Eigentlich ist es das was ich mir immer gewünscht habe, nicht eine Arbeit, sondern eine Aufgabe zu haben. Meine ehemaligen Kollegen  haben mich wie Rehe vorm Laster angeschaut, als ich meinte, das ich nach Jahren zurückblicken will, und sagen kann, das ich auch was positives verändert habe.
Und das ist wirklich möglich, es wird freie Hand gelassen. durch die Energiekrise habe ich schon zig Energieeinsparungen angeschoben, Sanierungen und auch umbauten werden ausgeführt.
Und weil es wenig Konkurrenzdenken innerhalb des Rathauses gibt, ist das Klima ein ganz anderes. Nicht das es hier keine Querelen gibt, aber viele sind einfach zufrieden in sich, was einfach gut tut.
Unser HausITler hat einen ähnlichen Weg wie ich genommen. Er war in einer Firma die Geräte für den Pharmabereich herstellte, verbrachte mehr Zeit auf der Autobahn und Hotels als am Arbeiten, bis er auf der Arbeit umfiel ohne zu wissen warum. Nachdem es ein zweites mal passierte, ohne das man herausfand warum, kündigte er und macht nun alles was mit IT zu tun hat für die Gemeinde.
Und wir sind uns einig, es war die richtige Entscheidung. Die Mühlen mahlen einfach langsamer, ob man es mag oder nicht. Alles muss rechtsicher sein, alles Abgesegnet. Für mich als Bürger oftmals ein Fluch, als Mitarbeiter ein Segen.
Ich würde mich direkt wieder hier bewerben. Ich habe endlich eine langfriste Sinnhaftigkeit in meinem Schaffen gefunden, die ich so nicht erwartet hätte, da ich mich lange Jahre als bezahlter Söldner sah.


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