Thema:
Re:es zeigt sich doch hier im thread, flat
Autor: Atlan
Datum:15.04.21 15:57
Antwort auf:es zeigt sich doch hier im thread, von Mampf

Das heutige Problem ist, vor allem in unpersönlichen Internetdiskussionen, dass Menschen nicht auf das antworten, was jemand geschrieben hat, sondern darauf, was sie ihm unterstellen, er wolle damit unterschwellig sagen. Und das ist meistens eine negativstmögliche Auslegung des Geschriebenen. So ist eine sachliche und freundliche Diskussion natürlich fast immer schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Hier im Ast habe ich beispielsweise den Eindruck, einige sehen in den zahlreichen und differenzierten Aussagen von Epidemiologe Krause und der anschließenden Zusammenfassung durch Rocco den insgeheimen Versuch, das aktuelle Geschehen kleiner zu reden, als es tatsächlich vielleicht ist. Was dann Maßnahmenkritikern nur Futter geben, Leugner stärken könnte, zu weniger Einhaltung der Maßnahmen und dazu noch nochlängerer Epidemie... und mehr Toten. Menschenverachter, bäm! Und mit dieser schlagseitigen emotionalen Prägung klickt man dann unten rechts auf Anworten und fängt an zu tippen... Dabei geht es Krause (und wahrscheinlich auch Rocco <-- immer das Wohlwollenste unterstellen!) darum ja überhaupt nicht.

Aber wenn man der ganzen Corona-Situation schon im Großen total ausgeliefert ist, kann man wenigstens hier im Kleinen mal richtig was dagegen tun! Das Gegenüber in der Diskussion als Amalgam von allem, was des aktuellen Übels Wurzel ist. Man unterstellt also dem Gegenüber das Schlechteste und DARAUF anwortet man dann.

Absolute Kriegsmentalität: Jede Kritik spielt entweder unabsichtlich dem Feind in die Hände oder ist sogar der direkte Versuch eines maskierten Feindes, uns zu untergraben. Kritik steht also grundsätzlich unter Generalverdacht und sollte während des Konfliktzeitraums strengstens unterlassen werden.

Jedoch ist eine der elementarsten Grundregeln des Diskutierens bekanntlich, immer nur auf die stärksten Argumente des Gegenübers sowie auf deren wohlwollendste Interpretation zu antworten, und all das immer unter der Prämisse, dass der Gegenüber Recht hat und man selbst etwas von ihm lernen kann.

Internetdiskussionen sind das exakte Gegenteil. Das schwächste Argument herauspicken, es negativstmöglich interpretieren, dem Gegenüber dabei auch noch unlautere Beweggründe unterstellen und schon im Voraus wissen, dass man selbst ja eh Recht und der andere Unrecht hat – und dann immer kräftig druff. Fühlt sich kurzzeitig gut an, brint am Ende aber niemandem was.

Im echten Leben kenne ich solche Diskussionsverläufe übrigens nicht. Weil man dort seinen Gegenüber ja meist als komplexen Menschen kennt, weiß dass der Kumpel, der eben etwas mißverständliches rausgehauen hat, trotzdem ein guter Mensch ist, es wahrscheinlich gar nicht so gemeint hat, man redet kurz drüber und kommt zur Erkenntnis, dass man auch beim jeweiligen Thema am Ende mehr Überschneidungen hat als Gegensätze.

Im Internet kann man hingegen auf jeden einzelnen anonymen "Gegner" alles Negative projizieren, was man täglich überall so mitbekommt, da reicht eine in eine bestimmte Richtung interpretierbare Aussage, damit man entsprechend negativ im gegenüber "geprimed" ist und alles weitere von ihm dann auch nur noch unter dieser negativen Anfangsinterpretation weiterinterpretiert. Die Schubladen sind super schnell auf und zu.

Ad hominem, guilt by association, poison the well... sowas kannte man früher nur von den Rechten, Klimawandelgegnern und ähnlichen, wenn es ihnen darum ging, Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern die Integrität und Glaubhaftigkeit abzusprechen, um inhaltliche Diskussionen und eine Auseinandersetzung mit den Ansichten des Gegenüber von vorneherein zu vermeiden. Heute verwenden alle Seiten diese schmutzigen Tricks und fühlen sich dabei auch noch gut.

Und so sind es interessanterweise auch nicht die Leute, deren Meinung ich überhaupt nicht teile (ja sogar manchmal sogar verachte), die mich in den letzten Jahren aus Internetdiskussionen weitestgehend haben zurückziehen lassen. Sondern das Diskussionsverhalten derer, mit denen ich inhaltlich eigentlich größtenteils auf derselben Seite stehe.

Vielleicht ist es mir damals bei diesen Leuten aber auch nur noch nicht aufgefallen, weil man ja auf derselben Seite stand und ich selbst eifrig mit diesen Mitteln diskutiert habe.


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